Geschichte    ICOMOS: Fertõrákos

ICOMOS: Fertõrákos: Denkmalpflegerische Überlegungen zur Instandsetzung eines ungarischen Dorfes = Mûemlékvédelmi megfontolások egy magyar falu megújításához.- München; herausgeben vom Deutschen Nationalkomitee von ICOMOS in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria , (1992). –84 p.

Die Autoren des Bande: László Ágostházi, Gábor Winkler, Dieter Martin, Uli Hartmann, Heinz Strehler, Ursula Schädler-Saub, Doris Ebner

Die Anwendung des Bande hat man konzessioniert: Präsident Prof. Dr. Michael Petzet von ICOMOS




Gábor Winkler - Uli Hartmann

Abb. 1. Fertõrákos, Kath. Kirche Christi Himmelfahrt, nach Zerstörung durch die Türken in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts Wiederherstellung unter Bischof Leopold Kollonich (1631-1707, ab 1685 Bischof von Gyõr), mit jüngerem Chor und Ausstattung um 1770 (Zustand um 1930).
 
Abb. 2. Fertõrákos, Bischöfliches Palais, Fassade und Innenhof, Anlage des 18. Jahrhunderts über Resten des mittelalterlichen Vorgängerbaus. Um 1970.
 
Abb. 3. Hauptstraße (bei Haus-Nr. 130), ehem. Pranger (um 1630).
 
Abb. 4. Friedhof außerhalb der Stadtmauer, angelegt unter Kaiserin Maria Theresia, im Vordergrund Grabsteine des späten 19. Jhs.
 
Abb. 5. Ehem. Steinbruch. Der hier bereits von den Römern gebrochene helle Kalkstein fand seit 1857 auch für zahlreiche Wiener Ringstraßenbauten Verwendung.
 
Abb. 6. Ehem. Steinbruch, die im Untertagebau geschaffenen Gewölbe seit 1970 als Bühne genutzt.
 
Abb. 7. Blick auf Fertõrákos von Süden, im Vordergrund eine Brücke über den Rákos, rechts im Bild die Mühle. Um 1970.
 
Abb. 8. Blick vom Kirchturm nach Süden, im Mittelgrund das bischöfliche Palais.
 
Abb. 9. Mauer (mit Öffnungen ähnlich Schießscharten
 
Abb. 10. Blick vom Kirchturm über den nordlichen Ortstand mit „anger“
 
Abb. 11. Die ehemalihe Schmiede (Zechmeister-haus)
Abb. 12. Stadtmauer im Bereich des südlichen Ortseingangs.
 
Abb. 13. Hauptstraße (bei Haus-Nr. 60), ehem. Grenzstein an der Abzweigung nach Mörbisch.
 
Abb. 14. Pestfriedhof
 
Abb. 15. Fertõrákos südlicher Stadteingang mit einem Teilstück der Stadtmauer (links) und der Hofanlage Hauptstraße 159. Um 1970.
 
Abb. 16. Stadtmauer, westlich des nördlichen Ortseingangs (Ausschnitt).
 
Abb. 17. Die ehemalihe Wassermühle

Zur geschichtlichen Entwicklung

In einer Schenkungsurkunde von König Imre aus dem Jahr 1199 wird der Name Racus im Zusammenhang mit einer Flurmarkierung erstmals genannt. Eine Kirche von Racus wird 1241 erwähnt. In einer Urkunde von 1244 regelt König Béla IV. die Zollrechte des Bistums Gyõr am Neusiedler See; gleichzeitig befreit er die Besitztümer des Bischofs von Steuerforderungen der Stadt Sopron.
Fertõrákos war die einzige Gemeinde in der Umgebung von Sopron, die nicht zu den Besitzungen der Stadt, sondern dem Bistum von Gyõr gehörte. Mehrmals versuchte Sopron, den Ort unter seinen Einfluss zu bekommen, wobei auch das Bischofspalais zerstört wurde. Der Streit wurde 1311 beigelegt.
Der Ortsname Racus weist auf ungarische Bewohner hin. Der deutsche Name Kroisbach wird erstmals 1457 genannt.
Der älteste Siedlungsteil lag unmittelbar um das Schloß. Die große Ortserweiterung nach Norden erfolgte gegen Ende des Mittelalters und findet in der Errichtung der Wehrmauern und der beiden Tore im 16. Jahrhundert seinen Abschluss. 1582 werden durch königliches Privileg zwei Markttage gestattet.
Ein im Jahr 1587 durch den Bischof von Gyõr György Draskovics, für Fertõrákos erlassenes Urbarium gibt wichtige Auskünfte:
Die seinerzeit insgesamt 15 Hufen große Grundfläche der Siedlung war schon in viertelhufen- und halbhufengroße Stücke geteilt. 28 Familien besaßen Grund, 27 andere waren Pächter. Außer ihnen wohnten noch drei Adlige und fünf andere Hauseigentümer in der Nähe der Festungsmauer; unter ihnen auch ein Arzt. Erwähnt werden noch das Gemeindehaus, der Gemeindeausschank und die Gemeindeschlächterei, die Mühlen, das Pfarrhaus sowie der Steinbruch. Das Bischofsgut besteht aus 18 Morgen Ackerland, 38 Morgen Wiese und einem Morgen Weingarten.
Bei der Errichtung der Befestigungsanlagen konnten die topographischen Gegebenheiten ausgenutzt werden. Die Geländeverhältnisse sicherten die Siedlung von der Bachseite, die Seeseite wurde von kaum begehbaren Sumpfgelände geschützt. Lediglich die zwei ungeschützten Seiten, mit den Toren, mussten zur Verteidigung mit Befestigungsmauern versehen werden. Von den erwähnten Gebäuden erlitten während der türkischen Belagerung von 1683 das Schloß und die Kirche schwere Beschädigungen; aber im wesentlichen bestehen sie alle noch heute (Abb. 1, 2.).
Der Pranger wurde erst im 17. Jahrhundert - um 1630 – errichtet die Gerichtsbarkeit und das Gefängnis existierten bereits früher (Abb.3.). Die Lebensfähigkeit des Marktfleckens unterstreicht auch die Tatsache, dass sich 1652 die Schmiede, 1678 die Weber in Zünften zusammenschlossen. Während der türkischen Belagerungen wurde der Sitz des Bistums von Gyõr für längere Zeit nach Fertõrákos verlegt.
Bischof György Széchenyi empfing hier, während des Reichstags von Sopron, im Jahr 1681, König Leopold I. Die Durchführung der hier vereinbarten, gegen die Protestanten gerichteten Beschlüsse, leitete der Bischof von Rákos. Die türkischen Verwüstungen, im Jahr 1683, verursachten die beinahe völlige Entvölkerung der Ortschaft. Die Neubesiedlung erfolgte aus österreichischen und mährischen Gebieten. Die neuen Siedler erhielten eine 6jährige Steuerfreiheit. Die früheren Privilegien wurden von Karl III. im Jahre 1712 bestätigt.
Im Mittelalter fanden die Beisetzungen auf dem Friedhof neben der Kirche statt. Nach dem Erscheinen der Gesundheitsanordnung von Maria Theresia, musste ein neuer Friedhof nördlich der Siedlung, außerhalb der Stadtmauer, errichtet werden. Dort lag bis dahin der Pestfriedhof (Abb.4.).
Die Siedlung breitete sich im 18. Jahrhundert über die Stadtmauer hinaus aus und erreichte die zum Friedhof führende Straße. Die Gemeinde wurde in jedem Jahrhundert von größeren Bränden verwüstet, im 18. Jahrhundert gab es sogar drei vernichtende Feuersbrünste. Der Wassermangel bereitete der auf einem felsigen Hügel angesiedelten Gemeinde häufig Probleme. Mit großem Kostenaufwand wurde 1797 im Hof des Gasthauses ein Brunnen in den Fels abgetäuft. Eine Gedenktafel erinnert heute noch an dieses Ereignis. Die Siedlung erlangte ihr heutiges Bild nach dem Großbrand von 1843. Der Aufbau von mehr als hundert abgebrannten Gebäuden wurde mit der Finanzierung von Wiener Versicherungsgesellschaften durchgeführt.
Eine bedeutende, über die Stadtmauer hinausreichende Ausdehnung des Siedlungsgebietes ist im 19. Jahrhundert zu verzeichnen. Die Ausbreitung erfolgte in drei Richtungen: in Richtung des Friedhofes, am Schloss in der Bachgegend und zum Ko vács-Hügel zu. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Hauptstraße in Richtung Steinbruch verlängert. Weitere Expansionsrichtungen waren noch südwestlich vom Schloss die Gegend von Kisrákos, Kovács-Hügel, die Kovács-Straße sowie Virágosmajor. 1922 wurden Baugrundstücke an der äußeren Bachseite verteilt. Hier wurde eine neue Häuserreihe mit auf den Siedlungskern gerichteten Hauptfassaden erbaut. Nach der Verteilung weiterer Baugrundstücke im Jahr 1927 wurden die mit treppenförmig angelegten Häusern bebauten Straßen Alsó-, Közép- und Felsõszikla sor geschaffen. Die Siedler kamen aus Deutschland. 1945 wurde der größte Teil der Ortsbevölkerung nach Deutschland ausgesiedelt. Es kamen dafür ungarische Familien, die aus dem ehemaligen ungarischen Oberland, der heutigen Slowakei, vertrieben worden waren.
Im nördlichen Teil des heutigen Ortes liegt der bekannte Steinbruch, der bereits im Urbar von 1587 unter den bistümlichen Besitztümern erwähnt wird (Abb. 5-6.). Jeder Arbeiter des Steinbruchs musste damals jährlich 10 Gulden Abgabe errichten. Die intensivere Abbautätigkeit begann 1857, nachdem die Wiener Baugesellschaft den Steinbruch in Pacht genommen hatte. Aus dem hier gewonnenen Baustein wurden in Wien u. a. die Votivkirche, das Rathaus, das Universitätsgebäude und die Gebäude des Kunsthistorischen Museums sowie des Naturhistorischen Museums erbaut. Den in Sopron durchgeführten archäologischen Untersuchungen zufolge wurde der Steinbruch schon von den Römern benutzt. Beweise hierfür lieferten dort die römische Stadtmauer und Mauerreste anderer Gebäude aus der Römerzeit.



Gábor Winkler

Gegenwart und Zukunft von Fertõrákos

Ein kleiner Ort in Westungarn mit tausendjähriger Geschichte: einst antikes Heiligtum, im Mittelalter durch Mauern mit Toren befestigt; später Sommerresidenz des Raaber Bischofs, ein Ausgangspunkt der Gegenreformation; noch um 1940 reich und wohlhabend; nach dem Krieg monatelang leer und öde, später, in den fünfziger Jahren, der wirtschaftlichen Depression ausgesetzt, arm und vergessen. Zwischenzeitlich einige - größtenteils unbegründete - Hoffnungen einer Wiederbelebung.
Fertõrákos (ehem. Kroisbach) liegt am kürzeren, südlichen Ufer des Neusiedler Sees, 10 km von Sopron (Ödenburg) entfernt. Der See gehörte viele hundert Jahre lang zur weiteren Umgebung der königlichen Freistadt Ödenburg und kam mit dem Friedensabschluß in Trianon im Jahr 1920 größtenteils an Österreich: Nur einige Siedlungen sind bei Ungarn geblieben - so auch Fertõrákos und die engere Umgebung des Dorfes. Die Einwohnerzahl betrug 1785 1003, 1920 3025, 1945 3745. Für 80 % der Einwohner war 1945 deutsch die Muttersprache, und für 20 % ungarisch.
Trotz der stadtnahen Lage waren damals nur 15-20 % der Bevölkerung wirtschaftlich mit der Stadt Ödenburg verbunden. Die Mehrzahl der Einwohner führte eine selbständige Landwirtschaft und lebte meistens von der intensiven Gemüse- und Weinproduktion, letztere wurde von den deutschsprachigen Siedlern schon im 12.-13. Jahrhundert betrieben. Auch die Fischerei hatte eine gewisse Bedeutung. Das günstige Klima und der fruchtbare Torfboden boten zudem für den Gemüseanbau ausgezeichnete Voraussetzungen. Von Fertõrákos aus wurden die in der Nähe liegenden größeren Ortschaften in Westungarn, später aber auch in Österreich mit Frischgemüse versorgt. Täglich fuhren frühmorgens Wagenkolonnen mit frischem Gemüse beladen in die Umgebung.
1945 wurden 80 % der Dorfbevölkerung nach Deutschland ausgesiedelt, die meisten in die Gegend von Ulm und Essen; an ihrer Stelle kamen ungarische Familien, die ihrerseits aus dem historischen ungarischen Oberland (heute Slowakei) vertrieben wurden. Die Einwohnerzahl sank auf 2150, und diese Zahl steigt erst heute wieder langsam an. Der früher von der Landwirtschaft und dem Weinanbau geprägte Charakter der Ortschaft ging allmählich verloren. Heute sind 80 % der arbeitsfähigen Bevölkerung in Sopron (Ödenburg) beschäftigt. Die übrigen Bewohner arbeiten weiterhin im Ort und zwar im Kleingewerbe oder in der Landwirtschaft. Diese Situation sollte sich zugunsten von Fertõrákos ändern. Rechtlich ist der Ort eigenständig, in der Region übernimmt die Stadt Sopron nur eine gewisse Koordinierung von behördlichen Aufgaben. Die Gemeinde von Fertõrákos möchte aber auch wirtschaftlich selbständig sein.
Die Einwohner von Fertõrákos haben konkrete Vorstellungen, wie das verwirklicht werden könnte. Seit 1981 hatte die Siedlung keinen eigenen Flächennutzungsplan: Die Grundlinien der Entwicklung waren in den Flächennutzungsplänen „Sopron und Umgebung" festgelegt. Zu den ersten Entscheidungen des neugewählten Bürgermeisters gehörte die Aufstellung eines eigenen Flächennutzungsplanes für Fertõrákos Die zur Zeit angelaufene Umgestaltung des ungarischen Wirtschaftslebens hat diese Bemühungen noch unterstützt.
Nach heutigen Vorstellungen wäre die erste grundsätzliche Bedingung zur Erhöhung der Wirtschaftskraft der Gemeinde die Zurückgewinnung des in Sopron beschäftigten Bevölkerungsanteils. Es sieht derzeit so aus, dass eine Erweiterung des örtlichen Arbeitsplatzangebots hauptsächlich auf dem Fremdenverkehrssektor erreicht werden kann. Die Entwicklung des Fremdenverkehrs hat seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs" wesentlich größere Chancen. Fertõrákos hat eine neue Grenzstation für Fußgänger und Radfahrer geöffnet, so dass die gesamte Umfahrung des Neusiedler Sees für Touristen möglich wird. Die Ortschaft ist dank der erweiteren Schifffahrt nun auch auf dem Wasserweg leichter erreichbar geworden..
Die Entwicklung des Fremdenverkehrs in Fertõrákos soll folgende vorhandene Möglichkeiten nutzen:
1. Auf dem Gemeindegebiet liegt der bekannte, auf die Römerzeit zurückgehende Steinbruch: Durch die von altersher angewandten speziellen Abbaumethoden sind im Steinbruch suggestive Innenräume entstanden (Abb. 13, 14). Die Attraktivität der Anlage lockt schon heute jährlich 200 000 Besucher an. Der Steinbruch wird zur Zeit noch von der Stadt Sopron verwaltet, was die Bürger von Fertõrákos unbedingt ändern wollen.
2. In dem aufgelassenen Steinbruch wurde 1970 eine Bühnenanlage mit über 800 Zuschauerplätzen eingerichtet. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden zahlreiche Konzerte, Theaterstücke und Opern aufgeführt.
3. Ein glaubersalzhaltiges Heilwasservorkommen wurde nahe der Ortschaft entdeckt; laut ärztlichen Berichten ist das Wasser für Heilbäder geeignet.
4. Die aus der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebene deutschsprachige Bevölkerung von Fertõrákos ist mit ihrer Heimat auch heute noch stark verbunden. Es werden immer mehr Besuche der „Kroisbacher" Deutschen in Ungarn organisiert. Diese Reisetätigkeit kann das ganze Jahr über einen gleichmäßigen Besucherverkehr und zu bestimmten Veranstaltungen auch größere Gästezahlen gewährleisten.
5. Durch das Gemeindegebiet führt die Landesstraße Nr. 8526, die Sopron mit dem Neusiedler See verbindet. An Sommertagen halten sich über 10 000 Gäste am Seeufer auf. Einige davon eilen direkt zum See. Für sie soll eine Umgehungsstraße im Bereich der früheren Grenzzone ausgebaut werden. Viele Badegäste verweilen aber auch gerne in Fertõrákos Die Gemeinde sieht die Chance, diesen „Transit-Tourismus" für einen Aufenthalt in Fertõrákos zu gewinnen. Im Winter fahren täglich etwa 500 Personen durch Fertõrákos im Sommer etwa 8000; dies könnte nach Auffassung der Ortsansässigen eine solide Basis zum Aufbau des Tourismus sein.
Das beschäftigungspolitische Ziel der Gemeinde sieht vor, in den nächsten Jahren mehr als 20 % der Bevölkerung in der örtlichen Gastronomie arbeiten zu lassen. Die Entwicklung des Fremdenverkehrs soll allein auf privater Basis erfolgen: Für Großbetriebe ist in der historischen Siedlungsstruktur kein geeigneter Platz vorhanden.
In ihrer Beschäftigungspolitik will die Gemeinde allen Bestrebungen zur Industrialisierung energisch widerstehen. Nur einige kleingewerbliche und besonders mit dem Fremdenverkehr verbundene Branchen sollen bescheidene Möglichkeiten zur Weiterentwicklung erhalten. Dies soll zur Förderung des Fremdenverkehrs beitragen.
Mit dem Ausbau der Umgehungsstraße wird die jetzige Hauptstraße verkehrsberuhigt. Diese Verkehrsberuhigung wird auch dem Schutz der historischen Gebäude dienen. Der von der alten Stadtbefestigungsanlage umschlossene Siedlungskern steht seit 1969 unter Denkmalschutz. Die Grenzen des ensemblegeschützten Bereiches sollen nun erweitert werden.



Uli Hartmann

Überlegungen zum Gesamtdenkmal Fertõrákos. Die städtebauliche Anlage und ihre Entwicklung.

Städte, Märkte und Dörfer sind komplexe, schwer zu begreifende und zu beschreibende Gebilde, die mit den üblichen Mitteln der Denkmalinventarisation kaum erfasst werden können. Zwar hat die Denkmalkunde gelernt, nicht nur punktuell herausragende Gebäude als wichtig zu erkennen, zu beschreiben und sich ihrer anzunehmen, sondern sich auch mit der Baugeschichte der gesamten Stadt und der Geschichte der Bewohner und Nutzer zu befassen, nach den Hintergründen.
Der Ort Fertõrákos liegt an einer Altstraße, die den Neusiedler See tangiert, wobei sie auf einem Höhenrücken zwischen dem Sumpfgelände am See und dem Bachtal des Rakos verläuft. Das typische Straßendorf erstreckt sich von seinem tiefsten Punkt, dort, wo die Straße den Bach quert, den Bergrücken hinauf (Abb. 7.). Im unteren, bachnahen Bereich liegt der älteste Teil der Siedlung, die mittelalterlichen und neuzeitlichen Erweiterungen schlossen nach Norden an, dem schon von den Römern genutzten Steinbruch zu.
Die giebelständigen Wohnhäuser auf den sehr schmalen Grundstückstreifen stehen direkt an der Straße, die Wirtschaftsteile schließen rückwärts an. Die den Hof abschließenden Scheunen bilden den Ortsrand und werden heute als Teil der Ortsbefestigung gesehen. Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurde bei Ortserweiterungen dieses strenge System verlassen, um westlich, näher am Bach, neue Quartiere, allerdings gleichfalls von bemerkenswerter städtebaulicher Ordnung, anzulegen. Die Geschlossenheit der Ortsbilder ist das überzeugendste Merkmal des Dorfes.
Baugestalt und Erscheinungsbild dieses Ortes waren das Ergebnis von Programmen und Planungen, welche in immer neuen Ansätzen durch viele Jahrhunderte, nahezu ein Jahrtausend lang, Gestaltungskraft beschäftigt hielten. Auch wenn bedeutsame Zeugnisse der Römerzeit erhalten sind, so können wir doch davon ausgehen, dass die Anfänge einer geordneten dörflichen Siedlung im Mittelalter liegen.
Das uns so eindrucksvoll überlieferte Fertõrákos entstand sicher nicht nach einem bei der Gründung im Mittelalter geschaf
fenen Plan. Politische, wirtschaftliche, soziologische, religionsgeschichtliche Verhältnisse forderten immer wieder neue Planungen. Es erstaunt uns aber, dass trotz einer derart wechselhaften Geschichte die überlieferte Ordnung offensichtlich nie verworfen wurde und immer auf die vorangegangene geplante Entwicklung aufgebaut werden konnte, dass alte Planungen also gültig blieben. So ist Fertõrákos ein durch und durch „geplanter" Ort.
Wie immer bei der Inventarisierung von Kunstdenkmälern, Baudenkmälern und Siedlungsdenkmälern stellt sich auch hier die Aufgabe der Behandlung aller wichtigen Einzelteile wie ihrer Summe in ihrer geographischen Lage. Jeder Teil, gleich welcher Zeit, ist Teil des Gesamten. Alle Teile stehen in Beziehung zueinander und ergeben ein Gesamtdenkmal als vielgestaltiges geschichtliches Werk und Zeugnis der Jahrhunderte.
Fertõrákos ist aufgrund seiner Lage im Grenzgebiet zwischen zwei großen weltpolitischen Einflussbereichen - dies schon seit dem Mittelalter - ein Ort mit besonders wechselhafter Geschichte, mit zahlreichen Zerstörungen, Vertreibungen und Neubesiedlungen. Vor allem deshalb gibt es nur wenige und zudem lückenhafte Überlieferungen und wenig Quellenmaterial, das zudem weitgehend unbearbeitet ist.

Besondere Beobachtungen beim Studium des Ortsgefüges anhand der Katasterpläne

Von besonderer Charakteristik ist das auf der Katasterkarte ablesbare Parzellengefüge, das auf eine gelenkte Siedlungsgestaltung und Entwicklung mit ursprünglich gleichbreiten Parzellenstreifen hinweist. Dieses Gefüge ist das Ergebnis eines spätmittelalterlichen Siedlungsausbaus. Die vorhergehende Siedlung im engen Bereich um das bischöfliche Palais ist darin aufgegangen. Zeugnisse davon sind aber noch vorhanden.
Die Parzellenstreifen zeigen heute zum großen Teil die gleichen Breiten; die schmäleren sind das Ergebnis späterer Aufspaltungen bei der Weitergabe der Anwesen.
Die Kirche steht genau in der Mitte zwischen den beiden Stadttoren, was auf die planmäßige Anlage bzw. den gelenkten und planmäßigen Ausbau des Ortes im späten Mittelalter verweist. Der von einem Friedhof umgebene Kirchenbau ist in den Straßenbereich vorgerückt, so dass er seiner Bedeutung gemäß optisch im gesamten Straßenraum wirksam ist. Die Straße selbst erfährt hier ihre deutlichste Einengung. Die Straßenraumausweitung südlich der Kirche und nördlich des Schlosses weist wohl auf die Lage des ältesten Marktplatzes vor der Ortserweiterung im späten Mittelalter hin.
Unmittelbar nördlich des Schlosses fällt eine ungeordnete, der sonst vorhandenen Parzellenordnung widersprechende Parzellenstruktur auf, die sicher auf den ältesten Ortskern hinweist (Abb. 8.). Auch westlich das Bachs sind ähnliche Strukturen zu finden.
Dort sind auch Parzellengrenzen zu beobachten, die Hinweise auf den Ortsrand der Erstsiedlung sein könnten. Sollte dies so sein, dann läge das Schloss, die ehemalige Burg, genau in der Mitte dieser Ansiedlung. Die das Mühlengrundstück im Westen umfassende Mauer (mit Öffnungen ähnlich Schießscharten) könnte der Rest einer ersten Befestigungsanlage sein. (Abb. 9.).
Das Mauerwerk wäre bezüglich Material und Technik mit den übrigen Befestigungsmauern zu vergleichen. Der bereits 1326 erwähnte Vorgängerbau der heutigen Kirche wäre dann außerhalb des geschlossenen Ortes gelegen. Auch im nahen Sopron lag die gotische Pfarrkirche St. Michael außerhalb der Befestigung.
Der Platz vor dem bischöflichen Palais ist Ende 19. Jahrhundert durch Teilabbruch von drei Anwesen entstanden. Hinweise dazu geben die Situation, die Grundrisse und die Details der verbliebenen Gebäude der drei Parzellen. Die drei Parzellenstreifen zwischen Schlossgarten und Stadtmauer entsprechen genau den gegenüberliegenden Streifen östlich der Straße. Dieses Merkmal ist im Ort oft zu finden und zeugt von einem planmäßigen Parzellierungsvorgang. Der Garten südlich des Schlosses wurde ebenso nach Abbruch von zwei oder drei Anwesen in späterer Zeit angelegt, möglicherweise im Zusammenhang mit Baumaßnahmen im Schloßbereich im 19. Jahrhundert, dem Bau der östlichen und nördlichen Nebengebäude.
Die deutlichste und mit Abstand größte räumliche Ausweitung der Straße nördlich der Kirche ist sicher der ehemalige Marktplatz (Marktrechtverleihung um 1582), dessen Anlage im späten Mittelalter im Rahmen der Ortserweiterung mit der noch in Teilen vorhandenen Ortsbefestigung erfolgte. (Abb.10.).
An der weitesten Stelle liegt östlich die ehemalige Schmiede; auffallend hier die Staffelung der Parzellengrenzen bzw. der Gebäude zum Straßenraum. (Abb. 11.).
Außerhalb sowohl des nördlichen wie des südlichen Stadttors (Abb.12.) finden wir heute noch deutliche Platzbildungen. Im Süden trifft die Straße mit dem Bach zusammen, sicher Anlass für Einrichtungen wie die Pferdeschwemme. Das nördliche Tor liegt am Geländescheitel.
Hier zweigt die wichtige Straße nach Mörbisch ab. Dort steht ein alter behauener Stein als letzter Hinweis auf eine alte Zollstation (Abb. 13.). Eine bedeutsame barocke Hofanlage, die bezüglich ihrer Gebäudegruppierung von den sonst üblichen Anlagen abweicht, steht wohl damit im Zusammenhang. Ein gegenüberstehendes zweigeschossiges, gemauertes Gebäude dürfte besonderen Funktionen gedient haben.
Diese städtebaulich wichtige Situation ist akzentuiert durch eine barocke Dreifaltigkeitssäule: Direkt an der Abzweigung steht die Bildsäule mit der Darstellung des sog. Gnadenstuhls. Im weiteren Sinne hierzu gehört dazu auch der unter Kaiserin Maria Theresia hierher an die Straße nach Mörbisch verlegte Friedhof (vorher Pestfriedhof: Abb. 14).
Nördlich dieses Platzes beginnt ein Straßenzug mit gleichbleibender Breite und weitgehend einheitlicher Bebauung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Außerhalb der nördlichen Stadtmauer westlich des Tors erstreckt sich ein in sich geschlossener, eigener Siedlungsteil von auffallender Regelmäßigkeit: platzartiger, breiter Straßenraum (Béke utca), beidseitig einheitliche Parzellen mit meist zweizeiliger, durch Einfahrt in der Mitte erschlossener Bebauung aus dem 19. Jahrhundert. Es sieht aus, als wäre diese Struktur nachträglich in ein vorhandenes streifiges Parzellengefüge hineingeschnitten worden. Der parallel zur Straße geführte Weg (Béke köz) war dann erforderlich, um die westlichen Restgrundstücke zu erschließen.
Reste der Marktbefestigung des 16. Jahrhunderts gibt es nur noch beidseitig der beiden ehemaligen Tore (Abb. 12, 15, 16).
Der westliche Teil der nördlichen Mauer geht in eine steile Geländestufe über. Es ist davon auszugehen, dass der westliche Ortsrand wegen des steilen Geländes und der östliche Ortsrand wegen des Sumpfgeländes keine Befestigungen hatten . Die angeblich ursprünglich vorhandenen Palisaden sind nicht belegt.Die rückwärtigen Grenzen der westlichen Grundstücksstreifen decken sich mit dem Verlauf eines im Hang geführten künstlichen Grabens, der ursprünglich der Mühle Wasser zuführte. (Abb.17.).
Südlich der Straße nach Mörbisch verläuft entlang des nördlichsten Flurstreifens eine künstliche Geländeböschung; die hofanschließenden Flurstreifen liegen gegenüber dem natürlichen Gelände künstlich erhöht. Ob dies im Zusammenhang mit einer Ortsbefestigung steht.
Das ehemalige Sumpfgebiet zwischen dem Ort und dem See wurde erst im 19. Jahrhundert trockengelegt und erschlossen. Die große bischöfliche Hofanlage ist 1872 bezeichnet; zugehörig eine Kapelle in neugotischen Formen. Die Anlage ist dem Verfall nahe und bedarf dringend der Sanierung und Restaurierung. Deutlich erkennbar sind die zahlreichen der Trockenlegung dienenden, heute teilweise trockenen Kanäle; die sie begleitenden Pappelreihen prägen das Landschaftsbild. Grenzanlagen der jüngsten Vergangenheit mit schnurgeraden auf stählerne Wachtürme ausgerichteten Fahr- und Patrouillenwegen durchschneiden die Feuchtflächen und Viehweiden.
Heute sind wir stolz auf die errungene und gewonnene Freiheit. Eine Chance dieser jetzt auch von den Bewohnern von Fertõrákos erreichten individuellen Freiheit liegt in der freien Planung. Wir sollten diese Chance ergreifen und uns dabei um das Verständnis der Leistungen der vergangenen Jahrhunderte bemühen, diese Leistungen schätzen und bewahren. Gute Planung verhindert nicht, sie öffnet Wege und befreit, spricht die Öffentlichkeit an und begeistert. Sie ist die Grundlage zur Sicherung der uns so wichtigen Geschichtszeugnisse.